Aus technischer Sicht ist die Energiewende bereits gewonnen. Politisch ist sie jedoch kritisch. Über ihren Erfolg wird die konkrete Umsetzung vor Ort entscheiden: in den Städten, Kommunen, bei den Energieanbietern und in den Köpfen der Menschen. So der im Rahmen unserer Konferenz „Mit KI Mehrwert schaffen – Vom Wissen zur Wirkung“ im Juli 2026 von Prof. Dr. Dr. Tanja Kneiske vertretene Standpunkt. Unter dem Leitmotiv „Forschung im Dialog“ erläuterte sie für die Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG (Fraunhofer IEG), wie Wissensvalorisierung im Energiesektor praktisch gelebt wird.
Mit KI die Energiewende sichtbar und erklärbar machen
Die Energiewende ist ein hochkomplexes Gemeinschaftsprojekt: Strom-, Wärme- und Gasnetze müssen zusammengedacht, neue Technologien integriert und unterschiedliche Interessen berücksichtigt werden. Aus ihrer langjährigen und erfolgreichen Arbeit in der Energieforschung zieht Tanja Kneiske eine zentrale Erkenntnis: Die entscheidende Herausforderung der Valorisierung besteht darin, wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass Kommunen, Energieversorger, Unternehmen und Bürger:innen sie für konkrete Entscheidungen nutzen können.
KI kann dabei eine Brücke zwischen Forschung und Anwendung schlagen. Sie hilft, große Datenbestände zu strukturieren, Zukunftsszenarien zu berechnen und komplexe Modelle leichter zugänglich zu machen. Wo reale Verbrauchsdaten nicht verfügbar sind, können anonymisierte oder synthetische Daten als Grundlage dienen. Anwender:innen könnten Modelle künftig sogar in Alltagssprache befragen: Wo lässt sich Abwärme nutzen? Welche Folgen hätte der Ausbau eines Netzes? Welche Lösung passt zu einer bestimmten Region?
Offene Simulationswerkzeuge wie Kneiskes pandapipes und Projekte wie Heatogether zeigen bereits, wie sich Netzplanung, Wärmeversorgung und Beteiligung miteinander verbinden lassen. KI macht aus abstrakten Modellen verständliche Entscheidungsgrundlagen – und hilft so, Forschung in konkrete Handlungsmöglichkeiten vor Ort zu übersetzen.
Gestalterinnen im Fokus: Wer entwickelt die Energie von morgen?
Doch selbst die besten Modelle und verständlichsten Werkzeuge entfalten nur dann Wirkung, so Tanja Kneiske, wenn Menschen sie aufgreifen, weiterentwickeln und in die Praxis tragen. Valorisierung bedeutet deshalb nicht nur, Wissen zugänglich zu machen. Sie wirft auch die Frage auf, wer an seiner Entstehung beteiligt ist und wer die Energiewende mitgestalten kann.
Gerade in den traditionell männlich geprägten MINT-Fächern bleibt viel Potenzial ungenutzt, wenn Frauen in Forschung und Praxis fehlen. Sichtbare Vorbilder sind daher mehr als ein gleichstellungspolitisches Anliegen. Sie tragen dazu bei, neue Talente für den Energiesektor zu gewinnen und die Perspektiven zu erweitern, aus denen heraus Lösungen entwickelt werden.
Vorbilder sichtbar machen mit dem Projekt „EmpowHER“
Hier setzt das Projekt EmpowHER an. Ein Buch porträtiert Forscherinnen, verbindet ihre persönlichen Werdegänge mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit und macht so unterschiedliche Wege in die Energieforschung sichtbar. An Schulen eingesetzt, soll es Schülerinnen ermutigen, sich selbst eine Zukunft im MINT-Bereich vorzustellen. Ergänzend ermöglicht der Chatbot „Frau N(ina) Hofer“ einen spielerischen Zugang zu den vorgestellten Forscherinnen und ihren Themen.
Auch der KI-Tutor Fred aus dem Projekt NEZ Lausitz richtet sich an junge Menschen. Er übersetzt komplexe Inhalte aus der Energieforschung in eine verständliche Sprache und unterstützt Schüler:innen bei der beruflichen Orientierung. KI wird damit nicht nur zum Werkzeug der Forschung, sondern auch zum Vermittler zwischen Wissenschaft und einer neuen Generation möglicher Gestalter:innen.
Von der Vermittlung zur Beteiligung
Nach Kneiskes Erfahrung liegt die entscheidende Hürde der Energiewende häufig nicht mehr allein in der technischen Machbarkeit. Ebenso wichtig ist, ob Menschen die Veränderungen verstehen, ihnen vertrauen und bereit sind, sie mitzutragen. Wissenschaftskommunikation darf deshalb nicht erst beginnen, wenn Forschungsergebnisse bereits feststehen.
Hier zeigt sich aus ihrer Sicht eine besondere Stärke außeruniversitärer Forschungseinrichtungen (AUFE): Sie können wissenschaftliche Expertise mit den konkreten Fragen von Kommunen, Energieversorgern, Unternehmen und Bürger:innen verbinden. Im Projekt Heatogether werden diese Gruppen beispielsweise frühzeitig in Workshops und offene Austauschformate einbezogen. So fließen ihre Perspektiven bereits in die Entwicklung von Modellen und Planungen ein.
Aus einseitiger Wissensvermittlung wird auf diese Weise ein Dialog. Forschung erklärt nicht nur, wie die Energiewende funktionieren kann, sondern hört auch zu, wo Bedenken, unterschiedliche Interessen und praktische Hindernisse liegen. Genau darin besteht der Schritt von wissenschaftlicher Erkenntnis zu gesellschaftlicher Wirkung.
Akzeptanz durch Kommunikation: Welchen Mehrwert bietet der Dialog mit den AUFE?
Valorisierung im Energiebereich bedeutet für Kneiske daher vor allem „Forschung im Dialog“. KI kann komplexe Zusammenhänge sichtbar machen und Wissen leichter zugänglich machen. Projekte wie EmpowHER erweitern den Kreis der Menschen, die sich als Gestalter:innen der Energiewende begreifen. Und die frühe Beteiligung von Kommunen, Unternehmen und Bürger:innen sorgt dafür, dass Lösungen nicht nur technisch überzeugen, sondern auch vor Ort anschlussfähig sind. So wird aus Energieforschung ein gemeinsames gesellschaftliches Gestaltungsprojekt.
Weiterführende Quellen und Links zum Nachlesen:
- Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG: Fraunhofer IEG
- Simulationssoftware Pandapipes: www.pandapipes.org
- Buch „Forscherinnen im Fokus – Wir schaffen Veränderung“: https://www.bookshop.fraunhofer.de/buch/forscherinnen-im-fokus-wir-schaffen-veraenderung/256133

