Wissenschaftliche Erkenntnisse entfalten nicht automatisch gesellschaftliche Wirkung. Zwischen Forschung und ihrer Anwendung liegt ein Prozess, in dem Wissen weiterentwickelt, mit anderen Perspektiven verbunden und für konkrete Kontexte nutzbar gemacht werden muss. KI verändert diesen Prozess grundlegend: Sie eröffnet neue Wege, Forschungsdaten auszuwerten, Wissen zusammenzuführen und mögliche Anwendungen schneller zu erschließen. Zugleich stellt sie Forschungsorganisationen vor gemeinsame Fragen zu Daten, Kompetenzen, Qualität und Verantwortung.
Wie sich daraus eine forschungsstrategische Aufgabe ergibt, stand im Mittelpunkt unserer Konferenz „Mit KI Mehrwert schaffen – Vom Wissen zur Wirkung“ im Juli 2026. Kirsi Haavisto, Leiterin des Bereichs Knowledge Valorisation and Technology Infrastructures in der Generaldirektion Forschung und Innovation der Europäischen Kommission, stellte das europäische Konzept der Wissensvalorisierung vor. Carolin Schumacher erläuterte die Perspektive des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Beide Beiträge machten deutlich: Es geht nicht allein um neue KI-Anwendungen, sondern um die Fähigkeit des Wissenschaftssystems, aus Wissen einen gesellschaftlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Nutzen entstehen zu lassen.
Valorisierung beginnt früher
Klassische Begriffe wie Technologie- oder Wissenstransfer erwecken leicht den Eindruck einer Einbahnstraße: Die Forschung entwickelt eine Lösung und gibt sie anschließend an Wirtschaft oder Gesellschaft weiter. Wissensvalorisierung setzt früher an. Sie fragt bereits bei der Entwicklung von Forschungsfragen, welche Bedarfe bestehen, wer beteiligt werden sollte und über welche Wege Wirkung entstehen kann.
Das Ergebnis muss nicht immer ein Patent, eine Lizenz oder eine Ausgründung sein. Auch offene Daten, Standards, soziale Innovationen, Politikberatung und Beteiligungsformate können wissenschaftliches Wissen in gesellschaftlichen Nutzen übersetzen. Das von Kirsi Haavisto vorgestellte europäische Verständnis rückt – wie veranschaulicht in Abbildung 1 – deshalb die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft in den Mittelpunkt.

Für Forschungsorganisationen folgt daraus ein strategischer Perspektivwechsel: Valorisierung ist keine nachgelagerte Aufgabe einzelner Transferstellen. Sie muss in Forschungsprogrammen, Partnerschaften, Anreizsystemen und Kompetenzprofilen verankert werden.
Kooperation wird zur Voraussetzung
Für Fraunhofer, Helmholtz, Leibniz und Max-Planck ist dieser Ansatz besonders relevant. Die Organisationen verfügen über unterschiedliche Stärken – von der Grundlagenforschung über langfristige Forschungsinfrastrukturen bis zur anwendungsnahen Entwicklung. Gerade bei Querschnittsthemen wie KI entsteht ein zusätzlicher Wert, wenn sie diese Kompetenzen gezielt zusammenführen.
Kooperation sollte dabei nicht erst beginnen, wenn ein Ergebnis bereits vorliegt. Unternehmen, Kommunen, Verbände und Bürger:innen können frühzeitig zeigen, welche Probleme in der Praxis bestehen, welche Lösungen anschlussfähig sind und welche unbeabsichtigten Folgen berücksichtigt werden müssen. Das erhöht nicht nur die spätere Akzeptanz. Es verbessert bereits die Qualität und Relevanz der Forschung.
KI ist Werkzeug und Strategiefrage
KI kann die Valorisierung auf mehreren Ebenen unterstützen. Sie kann große Forschungsdatenbestände erschließen, Verbindungen zwischen Wissensfeldern sichtbar machen und bei der Suche nach möglichen Anwendungen helfen. Auch Patent- und Marktanalysen oder die Aufbereitung wissenschaftlicher Ergebnisse für unterschiedliche Zielgruppen lassen sich beschleunigen.
Damit entsteht jedoch nicht automatisch gesellschaftlicher Mehrwert. Der Nutzen hängt von der Qualität und Zugänglichkeit der Daten, der fachlichen Prüfung der Ergebnisse und der Einbettung in konkrete Anwendungskontexte ab. Hinzu kommen Fragen, die einzelne Institute kaum sinnvoll allein beantworten können: Welche Infrastrukturen werden gemeinsam benötigt? Welche Kompetenzen müssen aufgebaut werden? Welche Standards sollen für einen verantwortungsvollen Einsatz gelten? Und wie werden erfolgreiche Ansätze organisationsübergreifend nutzbar? KI ist daher mehr als ein neues Werkzeug für einzelne Forschungsprojekte. Sie wird zu einer strategischen Gestaltungsaufgabe für das gesamte Wissenschaftssystem.
Gender sichert Qualität
Zu dieser Gestaltungsaufgabe gehört die Frage, für wen Forschung und KI-Anwendungen entwickelt werden. Wenn bestimmte Gruppen in Daten, Entwicklungsprozessen oder Entscheidungsgremien fehlen, können ihre Bedarfe übersehen werden. Das betrifft sowohl die Beteiligung von Frauen an Forschung und Innovation als auch die Berücksichtigung biologischer und sozialer Geschlechterunterschiede in den Forschungsinhalten.
Die Genderdimension ist deshalb kein Zusatz zur Valorisierung, sondern ein Qualitätskriterium. Sie hilft zu prüfen, ob Daten und Annahmen unterschiedliche Lebensrealitäten abbilden und ob der entstehende Nutzen tatsächlich breit zugänglich ist. Gerade KI-Systeme können bestehende Verzerrungen aus Trainingsdaten übernehmen und in neuen Anwendungen fortschreiben. Eine verantwortungsvolle Valorisierungsstrategie muss solche Risiken frühzeitig erkennen und bearbeiten.
Mit Fördermaßnahmen zur Sichtbarkeit von Frauen und zur Integration der Genderdimension unterstützt das BMFTR beide Seiten dieser Aufgabe: mehr Beteiligung an Forschung und Innovation sowie eine systematische Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede in Forschungs- und KI-Designs.
Das Paktforum als strategischer Ort
Die Europäische Kommission schafft mit ihren Leitprinzipien zur Wissensvalorisierung einen gemeinsamen europäischen Bezugsrahmen. Auf nationaler Ebene bildet der Pakt für Forschung und Innovation einen zentralen Rahmen für die strategische Entwicklung der großen Wissenschaftsorganisationen.
Carolin Schumacher machte auf unserer Konferenz deutlich, welche Bedeutung das BMFTR ihrer Zusammenarbeit und ihrer Ausrichtung auf gesellschaftliche Wirkung beimisst. Besonders konkret wird dieser Anspruch im neuen Paktforum. Es soll die Paktorganisationen dabei unterstützen, organisationsübergreifende Herausforderungen gemeinsam zu bearbeiten und ihre unterschiedlichen Stärken systematischer zu verbinden.
Dass sich der erste Durchgang des Paktforums dem Thema KI widmete, ist folgerichtig. Behandelt wurden unter anderem Forschungsinfrastrukturen, Kompetenzentwicklung, gemeinsame Leitlinien, Forschungsdaten und neue Transferwege. Damit führt das Paktforum zentrale Fragen zusammen, die keine Wissenschaftsorganisation für sich allein lösen kann. Es bietet die Chance, aus vielen einzelnen KI-Aktivitäten eine gemeinsame forschungsstrategische Perspektive zu entwickeln. Den Bericht der Pakt-Organisationen zum Paktforum 2025/2026 – Künstliche Intelligenz finden Sie hier: BMFTR, GWK-Bericht zum Paktforum 2025/2026.
Impulse für die Forschungspolitik
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob Forschungsorganisationen KI einsetzen. Entscheidend ist, wie sie KI nutzen, um wissenschaftliches Wissen wirksamer, verantwortungsvoller und für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen nutzbar zu machen.
Dafür müssen Valorisierung, Kooperation, KI und Gender zusammengedacht werden. Das Paktforum kann zu einem strategischen Ort werden, an dem gemeinsame Infrastrukturen, Standards und Kompetenzbedarfe bearbeitet werden. So wird aus einer Vielzahl einzelner KI-Projekte eine gemeinsame Aufgabe des Wissenschaftssystems – und aus wissenschaftlichem Wissen konkrete gesellschaftliche Wirkung.
Weiterführende Quellen und Links zum Nachlesen:
• Über das Ministerium und seine Programme: BMFTR Startseite & Gleichstellung im Wissenschaftssystem
• Aktuelle EU-Vorgaben und Förderungen zur Gender-Dimension: FiF-Aktuelles beim BMFTR EU-Büro
• Grundlagen der europäischen Valorisierungspolitik: ERA Portal Austria – Knowledge Valorisation
• EU-Leitlinien für Bürgerbeteiligung und Inklusion in der Forschung: European Commission – Code of practice on citizen-engagement

