Wenn Forschungseinrichtungen über Wissenstransfer nachdenken, denken sie an Patente, Ausgründungen, Publikationen. Dabei ist Normung laut EU-Valorisierungsrahmen einer der zentralen „Key Enablers“, um Wissen zur Wirkung zu bringen. Das aktuelle Positionspapier der europäischen Normungsorganisationen CEN und CENELEC zeigt, dass genau hier eine unterschätzte Schnittstelle zwischen Gleichstellungszielen und Wissensverwertung liegt.
Standards neu denken – Normung mit Genderperspektive
Im August 2025 veröffentlichten CEN und CENELEC ein Positionspapier zur EU-Gleichstellungsstrategie 2026–2030. Darin argumentieren die Organisationen, dass Normung eine strategische Rolle bei der Umsetzung von Gleichstellungszielen spielen kann (und muss). Der Kern: Normen sind nicht neutral. Sie beeinflussen, wie Produkte gestaltet werden, wessen Körper und Nutzungsgewohnheiten dabei als Maßstab gelten. Wird dieser Einfluss ignoriert, entstehen Produkte, die an der Lebensrealität eines Teils der Bevölkerung vorbeigehen. Die Folgen reichen von schlecht sitzender Schutzausrüstung für Frauen bis hin zu medizintechnischen Geräten, die überwiegend männliche Körpermaße bedienen.
Drei Forderungen an die Europäische Kommission
- Normung formal als Instrument zur Umsetzung von Gleichstellungszielen anerkennen – verankert in Förderinstrumenten, Regulierungsrahmen und Beschaffungsrichtlinien.
- Bessere Daten schaffen: geschlechts- und altersdisaggregierte (d.h. nach Geschlecht und Alter getrennt erhobene) anthropometrische Datensätze als Grundlage inklusiver Produktentwicklung.
- Die Beteiligung am Normungsprozess verbreitern: Frauenorganisationen, Gleichstellungsgremien und zivilgesellschaftliche Gruppen systematisch einbinden.
Ein Praxisbeispiel: Menstruationsprodukte
Das Paper zeigt, wie europäische Normungsarbeit konkrete Wirkung entfalten kann. Über das Engagement des schwedischen Normungsinstituts SIS in der ISO wurde 2022 ein technisches Komitee für Menstruationsprodukte (ISO TC 338) eingerichtet. Bis 2027 sollen erste internationale Normen zu Sicherheitsanforderungen und Terminologie verabschiedet werden; ein Beispiel für genderresponsive Normung aus europäischer Expertise.
Fazit: Normung als Hebel für gesellschaftliche Wirkung
Wer Forschungsergebnisse dauerhaft in Produkten, Dienstleistungen oder Politiken verankern will, muss Normungsprozesse mitdenken. Gleichzeitig fehlt in diesen Prozessen bislang systematisch Genderwissen, obwohl genau dieses Wissen in deutschen und europäischen Forschungseinrichtungen vorhanden ist. Die Frage, wessen Wissen in Normen einfließt, ist damit unmittelbar eine Valorisierungsfrage.

